Erinnern und Gedenken
Verfolgung und Widerstand in Sangerhausen 1933-1945

Stolpersteine in Sangerhausen


Hier finden Sie Kurzberichte über die Stolpersteinverlegungen in Sangerhausen 2012, 2013, 2014, 2015 und einen Stadtplan, der Sie zu den Verlegeorten führt.

Vierte Stolpersteinverlegung am 2. Oktober 2015


Etwa 50 Personen, darunter wieder Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, versammelten sich um 14 Uhr in der Schulstraße 4, um an Klara Merkelt zu erinnern. Klara war Jüdin und mit Paul Merkelt, dem Sohn des Sangerhäuser Tischlermeisters Otto Merkelt, verheiratet. Die Merkelts lebten in Hamburg. Nach Ausbruch des Faschismus gelang es Paul, seine Frau zu verstecken und vor den Demütigungen durch die Rassegesetze zu schützen. Die Merkelts adoptierten während des Krieges sogar noch ein jüdisches Waisenkind namens Auguste. Im Juli 1943 wurden sie in ihrer Hamburger Wohnung ausgebombt und mussten in eine Notunterkunft ziehen. Dort wurde ihnen das Kind abgenommen, und Klara kam einer Verhaftung durch Flucht mit ihrem Mann nach Sangerhausen zuvor. Sie fanden bei Pauls Eltern Unterschlupf. Als aber in der Nachbarschaft bekannt wurde, dass Pauls Frau Jüdin war, begannen für Klara neue Demütigungen. Während einer Abwesenheit Pauls wurde Klara die Ausweisung innerhalb von 24 Stunden angedroht. Daraufhin nahm sich Klara Merkelt das Leben. Die Gedenkrede hielt Gesine Liesong.

Der von Schülern angeführte Gedenkmarsch führte über den Markt in die Kylische Straße 31 zu dem letzten Wohnsitz von Alban Hess, einem christlich orientierten Buchhändler, der sich nach 1933 geweigert hatte, Hitlers Buch „Mein Kampf“ in seiner Bücherstube anzubieten. Alban Hess gehörte zur Bekennenden Kirche und sammelte Hitlergegner um sich. Seiner Verhaftung 1942 folgte Zuchthaus und schließlich das KZ Buchenwald. Aber er überlebte und gründete nach dem Krieg die christliche St. Michael Buchhandlung in Sangerhausen. Die Gedenkrede hielt Wolfgang Steffen, der bei Alban Hess in die Lehre gegangen war, ergänzt durch Adelheid Johanna Preß, eine Tochter von Alban Hess.

Die nächste Station führte vor den ehemaligen Wohnsitz der jüdischen Familie Meyerstein in der Kylischen Straße 9. Die Meyersteins waren in Sangerhausen als ruhige und freundliche Leute bekannt. Nach dem Tod ihres Mannes Matthias, wahrscheinlich 1942, wurde Therese am 20. September 1942 mit einem Transport aus Leipzig in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebte, kehrte 1945 nach Sangerhausen zurück, verstarb aber schon bald „im Alter von 71 Jahren“ (1946). Über Schicksal ihres Sohnes Erhard während der NS-Zeit ist nur bekannt, dass er am 18. 2. 1945 mit einem Transport aus Frankfurt in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. Er überlebte, kehrte nach Sangerhausen zurück und wohnte zunächst in der Hüttenstraße 26. Es war nach seiner Genesung in verschiedenen Verwaltungsberufen tätig und wohnte später mit seiner 2. Frau Irmchen in der Karl-Liebknecht-Straße 57. Er starb am 14.12.1982 in Sangerhausen. Die Recherche trug ein Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums vor.

Der vierte Verlegort war die Rudolf-Breitscheid-Straße (früher Adolf-Hitler-Straße) Nr. 11. 1935 wohnte dort der Konditormeister Johannes Gorek mit seiner jüdischen Ehefrau Sofie Luise, geb. Schneider. Frau Gorek lernte alle Demütigungen kennen, die jüdische Menschen auch in sogenannten Mischehen erleiden mussten, aber sie stand noch unter dem Schutz ihres Mannes. Die Situation änderte sich, als Johannes Gorek am 11. Mai 1942 verstarb. Frau Gorek wurde zunächst nach Leipzig deportiert und kam mit einem Transport am 13. Januar 1944 in das KZ Theresienstadt. Ihr Todesdatum ist der 16. Januar 1944. Es ist zu vermuten, dass die damals 67-jährige Frau unmittelbar nach ihrer Ankunft in Theresienstadt ermordet wurde oder die Strapazen des Transports nicht überlebt hatte. Die Informationen zur Person sowie die musikalische Gestaltung der Verlegezeremonie hatte eine Katholische Pfadfindergruppe unter der Leitung von Angela Degenhardt übernommen.        


Dritte Stolpersteinverlegung am 10. Oktober 2014


Mit dieser Veranstaltung wurden Menschen geehrt, die wegen ihrer politischen Einstellung Opfer der Naziherrschaft wurden: ein Sozialdemokrat, ein Kommunist und ein Soldat, der sich weigerte, weiter an dem Völkermorden teilzunehmen.

Die Verlegung wurde von dem Künstler und Urheber des Stolpersteinprojektes, Gunter Demnig, selbst vorgenommen. In der Alten Magdeburger Straße 2 hielt der Historiker Dr. Andreas Schmidt (Halle) die Gedenkrede für Franz Heymann, einen Mitgründer des SPD-Ortsverbandes Sangerhausen und langjährigen Geschäftsführer des Konsumvereins. Franz Heymann wurde als Hitlergegner 1944 verhaftet, in das KZ Sachsenhausen deportiert und starb nach einem Transport im März 1945 im KZ Buchenwald. Das Gebäude in der Magdeburger Straße war nicht nur viele Jahre Franz Heymanns Wohnort, im Hof des Anwesens befand sich auch die erste Verkaufsstelle der Sangerhäuser Konsumgenossenschaft.

Zu der Verlegung hatten sich neben Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Stadt auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler eingefunden, die mit großem Interesse zum ersten Mal eine Stolpersteinverlegung erlebten. Auf dem Gedenkmarsch zum 2. Verlegeort trugen die jungen Leute das Logo des Netzwerkes „Sangerhausen bleibt bunt“.

Vor der Marienkirche, mit Blick auf das antifaschistische Denkmal aus dem Jahr 1952, wurde der Stolperstein für den Kommunisten Paul Beck verlegt. Dieser Ort wurde gewählt, weil das Haus Hüttenstraße 96, in dem Paul Beck vor seiner Verhaftung wohnte, nicht mehr existiert. Die Gedenkrede hielt der ehemalige Bundestagsabgeordnete Harald Koch (Die Linke). Paul Beck war bis zur Machtergreifung  Unterbezirksvorsitzender der KPD und Herausgeber der antifaschistischen Stadtzeitung „Alarm“. Nach einer mehrmonatigen Internierung im KZ Lichtenburg (1933) setzte er seinen Kampf gegen die Naziherrschaft fort, wurde 1936 verhaftet, zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und wenige Tage vor seiner anstehenden Entlassung am 26. Februar 1940 in der Haftanstalt Kassel-Wehlheiden ermordet.

Nur wenige Schritte weiter, in der Bahnhofstraße 21, befand sich die Wohnung von Walter Telemann, der gegen seine Überzeugung zum Kriegsdienst herangezogen wurde. An der Ostfront geriet er 1944 in den Kessel von Bobruisk. Seine Regiment wurde völlig zerschlagen. Einer Neuaufstellung entzog sich Walter Telemann durch Desertion. Von einer Feldjägestreife gefasst, wurde er am 4. August 1944, wenige Tage nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler, in der Johannisburger Heide standrechtlich erschossen. Die Gedenkrede hielt Holger Hüttel, selber Bundeswehrangehöriger.

Zum Abschluss der Veranstaltung verlas eine Schülerin die Selbstverpflichtung der AG „Schule gegen Rassismus“, mit der Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums eine Patenschaft über die in Sangerhausen verlegten Stolpersteine übernehmen.  


Zweite Stolpersteinverlegung am 8. November 2013


Die Stolpersteinverlegung 2013 fügte sich ein in die Veranstaltungen zur Erinnerung an die Pogromnacht vor 75 Jahren.

Für unsere ehemaligen jüdischen Mitbürger Moritz und Henrietta  Loewe wurden die Stolpersteine in Gegenwart von Nachkommen in der Göpenstraße 21 verlegt. Die Gedenkrede für die Familie Loewe hielt Helmut Qual. Pfarrer Johannes Müller erinnerte in der Göpenstraße 13an Ernst Ikenberg.

Als Ältester einer elfköpfigen Delegation aus Israel verlas der Enkel Dani Shahan an den Gedenkorten für die Loewes und Ernst Ikenberg den jüdischen Kaddish.

Auf dem Gang zu dem Verlegeort am Alten Markt hielt der Zug an der Gedenktafel vor dem Rathaus. Eine Schülergruppe erinnerte an die Gesetze und Verordnungen, mit denen die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland organisiert und der Holocaust bürokratisch vorbereitet wurde.

Nicht nur Juden wurden Opfer der barbarischen Rassenpolitik der Nationalsozialisten, auch Behinderte und psychisch kranke Menschen. An den Patientenmord an Edith Große, einem 14-jähriges Mädchen, erinnert ein Stolperstein am Altenmarkt.

Das Thema NS-Euthanasie wurde als Begleitveranstaltung von einem hochkarätigen Podium am Abend in der Jacobikirche erörtert. 

Siehe auch:  Medienecho und Videobericht.


Sangerhausen hat die ersten Stolpersteine - 5. November 2012


Am 5. November 2012 wurden die ersten Stolpersteine in Sangerhausen verlegt. Über 100 Personen, darunter auch viele junge Menschen, waren auf Einladung der Initiative "Erinnern und Gedenken" gekommen, um zu erleben, wie der Kölner Künstler Gunter Demnig erstmals Gedenkplatten vor den Wohnstätten Sangerhäuser Mitbürger verlegte, die während des Nationalsozialismus als Juden verfolgt und ermordet wurden.

In der Göpenstraße 10 erinnerte Oberbürgermeister Ralf Poschmann an Frau Adele Hampel, die im April 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert und dort am 22. November 1942 ermordet wurde. Eine Schülergruppe aus dem Geschwister Scholl-Gymnasium und der Thomas-Müntzer-Schule brachte mit einer szenischen Aufführung die menschenverachtende Behandlung der Juden während des Nationalsozialismus in Erinnerung. Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Musikstücke einer Bläsergruppe der Musikschule Mansfeld-Südharz, die Trauer ausdrückten und auch jüdische Melodien anklingen ließen.

     

Nach der ersten Verlegung formierte sich ein „Zug der Erinnerung“ zur zweiten Verlegestätte Angeführt wurde er durch die Transparente des Netzwerkes "Sangerhausen bleibt bunt". Der Sprecher der Initiative "Erinnern und Gedenken" Dr. Peter Gerlinghoff erklärte gegenüber dem mdr-Fernsehen: Die Stolpersteinverlegung ist zugleich ein Bekenntnis der Stadt Sangerhausen zu Toleranz und Weltoffenheit.Nachdem der Künstler Gunter Demnig  den ersten Stolperstein in das Straßenpflaster eingefügt hatte, erläuterte er das Entstehen der Stolpersteinbewegung, ihr Ziel und die bisherigen Erfahrungen. Stolpersteine vor den Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus finden sich heute von Nordkap bis nach Sizilien, von der Atlantikküste bis an die Grenze der Ukraine. Sangerhausen ist der 800. Ort, insgesamt wurden mehr als 38.000 Gedenksteine verlegt. Sie fordern zu Nachdenken auf und geben an authentischen Orten die Möglichkeit, sich vor den Opfern zu verneigen.Das Haus in der Hüttenstraße 26 war bis 1942 Wohnstätte der Familie Otto und Rosa Fleischmann. Damals hatten sich hier auch ihre Tochter Jutta, verh. Bernstein, und das vier Jahre alte Enkelkind Eva Miriam Zuflucht gefunden. Ein von den Jugendlichen rezitiertes Gedicht "Eva Miriam letzte Reise" ließ die bedrückenden Szenen des Abtransports der Familie in das Vernichtungslager Sobibor aufscheinen. Danach erläuterte Rechtsanwalt Mario Milde, was die Recherchen über Leben und Tätigkeit der Familie Fleischmann in Sangerhausen sowie über ihre Entrechtung und Verfolgung während des Nationalsozialismus ergeben hatten. 


Überraschend meldete sich daraufhin eine Sangerhäuserin, die 1942 im gleichen Haus gewohnt hatte. Sie zeigte ein Foto, auf dem sie zusammen mit der kleinen Eva Miriam im Hof des Hauses zu sehen ist. Aus erster Hand wurden dabei weitere Einzelheiten der letzten Tage der Fleischmann in Sangerhausen bekannt. Anschließend wurden Blumen an den Gedenktafeln niedergelegt, der Sprecher Initiative dankte den Teilnehmern, insbesondere dem Künstler Gunter Demnig sowie den Anwohnern. Er kündigte den Besuch von Nachkommen der Familie Fleischmann an, die heute in den USA leben.    (12. November 2012)


Sangerhausen braucht Stolpersteine - Aufruf vom 9. November 2011


Die Stadt Sangerhausen ehrte 1995 das Andenken der jüdischen Einwohner, die während des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben und umgebracht wurden, mit einer Gedenktafel. 


Mit der Verlegung von Stolpersteinen sollen diese Menschen nun aus der Anonymität herausgehoben werden, indem ihre Namen und Schicksalsdaten vor den ehemaligen Wohnstätten im Straßenbild erscheinen. Am 1. Mai 2011 trug die Initiative dieses Anliegen mit einem Informationsstand erstmals in die Öffentlichkeit. Die Resonanz war positiv. Der Stadtrat von Sangerhausen unterstützt das Vorhaben und schuf die notwendigen rechtlichen Grundlagen.


Dennoch ist diese Aktion Anteil nehmender Erinnerung auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Die Initiative veröffentlichte deswegen am 9. November 2011, dem Erinnerungstag an die Pogromnacht 1938, einen Aufruf, indem es heißt:


Sie können mithelfen, indem sie die Verlegung der Steine in den kommenden Monaten begleiten und in ihrem Umfeld bekanntmachen. Sie können sich an der Aufhellung der Schicksale einzelner Personen und an der Suche nach ihren Nachkommen beteiligen. Und schließlich können Sie helfen, die finanziellen Kosten zu tragen. Ein Stolperstein kostet in der Herstellung durch den Künstler Gunter Demnig ca. 120 Euro. Dazu kommen Kosten, die mit der Verlegung selbst verbunden sind. Wir verzichten bewusst auf öffentliche Mittel und bieten für persönliche Beiträge folgende Spendenkonten an: Sparkasse Mansfeld Südharz (BLZ 80055008) 601 003 543 (Liesong/Gerlinghoff) oder 361 100 000 (Stadt Sangerhausen) Stichwort: Stolpersteine. Falls Sie eine Spendenquittung für das Finanzamt benötigen, benutzen Sie bitte das Konto der Stadt Sangerhausen und geben Sie auf dem Vordruck deutlich Ihren Namen an.“


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