Erinnern und Gedenken
Verfolgung und Widerstand in Sangerhausen 1933-1945

 












Arthur Fleischmann 1907-1977

von Miriam K. Gomberg


Herr Arthur starb vergangene Woche nach einem Verkehrsunfall. Es wirkt wie eine der häufigen Ironien im Leben, dass der Fahrer des Autos, das ihn erfasste, ein Mann von 70 Jahren war, also gerade in seinem Alter.

Ich hatte Herrn Arthur erst vor kurzem kennengelernt, aber wir waren Freunde geworden.

Und nach dem, was ich jetzt höre, ging es offensichtlich vielen anderen Menschen so wie mir, die ihn während des letzten Jahres flüchtig kennengelernt hatten, als er hier in Fort Lee für eine Apotheke arbeitete.

Es mag sein, dass ich besonders dazu neige, in bestimmten älteren Herren etwas von meinem eigenen Großvater zu erkennen, dessen Tod mich vor so langer Zeit, ich war damals 17, mit dem Gefühl eines tiefen Verlusts getroffen hatte. Es gab ja noch so viel mehr von ihm zu lernen und über ihn zu hören, wenn ich nur die richtigen Fragen zur rechten Zeit parat gehabt hätte. Aber diese Erkenntnis wird wie viele andere Dinge klar nur in der Rückschau.

Mein Großvater war allgemein bekannt als Herr Frank, weil ein kleines Kind, das seinen Nachnamen nicht richtig artikulieren konnte, ihn auf diese Weise angesprochen hatte. Deswegen, so scheint mir, sprach ich meinen neuen Bekannten so gern als Herr Arthur an. Er hatte tatsächlich auch die gleiche stille Würde, die mir in so guter Erinnerung geblieben ist, die umsichtige und gewählte Art, er war zurückgenommen niemals pompös, scheu aber mit köstlichen Blitzen unerwarteten Humors.

Da war diese Haltung stiller Aufmerksamkeit, die es ermöglicht, unsere alles andere als vollkommene Welt mit dem gleichen Maß an Kritik und Nachsicht zu betrachten.

Und immer dieses besondere Leuchten in den Augen, das eine gewisse Belustigung über das verriet, was sich gerade der Wahrnehmung darbot.

Man bekam das Gefühl, fast wie durch Osmose, dass ein kleiner Wortwechsel genügte, um einen lustvollen Scherz über die Absurditäten menschlicher Existenz mitzuteilen.

Aber, wie bei meinem Großvater, konnte man sicher sein, dass Herr Arthur niemals unhöflich sein würde. Beide gehörten zu der schätzenswerten Sorte von Menschen, denen die Gefühle anderer sakrosankt sind und die sie nie übertreten würden. Auf geradezu magische Art und Weise ruft dies fast immer die edelsten Reflexe sowohl bei den besten wie bei den schlechtesten Mitmenschen hervor. Beide waren also im besten Sinn Gentlemen.

Ich lernte Herrn Arthur an dem Tag kennen, als er seinen Job in der Apotheke antrat. Es ehrte seinen neuen Arbeitgeber, dass er einen Mann in diesem Alter eingestellt hatte. Aber sofort wurde klar, dass die Leistung dem Lohn  völlig entsprechen würde. Zu seinen Aufgaben gehörte es, in der Stoßzeit am Schalter zu helfen und auch Bestellungen im ganzen Stadtgebiet auszuliefern.

Schon an diesem ersten Tag war es offensichtlich, dass er bemüht war, sein bestes zu geben; dass er die neue Aufgabe langsam und gründlich angehen würde, mit der gleichen Sorgfalt, mit der er frühere Herausforderungen in seinem Leben gemeistert hatte.

Und wenn es an diesem Tag auch etwas länger dauerte, bis meine Bestellung fertig war, so hatte sich das doch gelohnt. Es war eine Freude zu sehen, welch seltene Konzentration er den einfachsten Details widmete, und dieses Gefühl der Verantwortlichkeit für jedwede Aufgabe, wie unbedeutend auch immer, kann man nicht hoch genug schätzen, weil es zu den gefährdeten Arten gehört.

Der Gang in die Nachbarschaft zur Erledigung der Bestellungen muss ihm, vermute ich, besonders zugesagt haben.  

Ich hatte den Eindruck, er genoss diese Erfahrung, denn trotz seiner Zurückhaltung entsprach die größere Vielfalt von Kontakten seiner lebhaften Neugier. An einem sehr heißen Tag letzten August klingelte es bei mir und er stand vor der Tür mit meiner Bestellung, den Füllfederhalter wie immer zu meiner Bequemlichkeit bereit haltend, ordentlich gekleidet mit weißem Hemd, Krawatte und Jacket. Das übliche höfliche Lächeln, aber ich wusste, dass es ihm in dieser Montur unangenehm warm sein musste.  

Als ich ihn fragte, ob er für ein paar Minuten hereinkommen, einen Moment sitzen und etwas Kühles trinken wolle, kam so etwas wie ein leichtes Zögern.

Aber dann kam ein Ja, ein Glas Wasser wäre gut, und vielen Dank! Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass er darin einen Bruch mit seinen persönlichen Regeln sehen musste, die ihm Zögern oder Verweilen untersagten. Und da waren doch noch andere Menschen, die auf ihn warteten, und Aufgaben, die seine gewissenhafte Aufmerksamkeit verlangten.

Zufällig ergab sich einmal eine Gelegenheit, als wir in der selben Richtung unterwegs waren, etwas mehr als die üblichen Höflichkeiten auszutauschen. Ich kann die Einzelheiten unserer Unterhaltung gar nicht mehr wiedergeben, und das wäre auch nicht von Belang. Denn er war wie mein Großvater auf den Spaziergängen, die mir so in der Erinnerung haften, in der Lage, ein Gefühl der Neugier gegenüber den Wundern der Natur zu wecken. Beide verfügten über diesen erfrischenden Optimismus, der aus der Weisheit des Alters geboren wird und sich mit einem ewig jungen und wissbegierigen Geist verbindet.

Romantisiere ich vielleicht ein wenig? Im Grunde war Herr Arthur, wie mein Großvater auch, einfach ein netter älterer Herr. Vielleicht etwas netter manch anderer, und sicher als Mensch auch nicht ohne die schwachen Seiten, die wir alle als Erbgut mit uns tragen. Vielleicht neigt man nach einem Unfall auch einfach dazu, kleine Dinge hervorzuheben und sie über das Maß hinaus zu betonen, das mag sein.

Ich höre gerade, dass er einen Enkel hat. Und ich möchte vor allem, dass dieser Junge erfährt, wie eine kurze Begegnung mit Herrn Arthur etwas Warmes in mein Leben gebracht hat. Und ich möchte hoffen können, dass auch er eines Tages als schönstes Erbteil, das nur wenige von uns als Privileg erhalten, erkennen wird, dass er Stolz empfinden darf, weil er sich an seinen Großvater als einen feinen Menschen erinnern kann.      

Übersetzung: Peter Gerlinghoff