Erinnern und Gedenken
Verfolgung und Widerstand in Sangerhausen 1933-1945

Willkommen auf unserer Webseite

Wir informieren über Aktivitäten der Initiative Erinnern und Gedenken Sangerhausen sowie über inhaltlich ähnliche Veranstaltungen und Ereignisse in der Region. Dokumentiert werden auch Forschungsergebnisse zu einzelnen Personen und Personengruppen, die in Sangerhausen während des Nationalsozialismus verfolgt wurden bzw. Widerstand leisteten.  

Aktuell:

Gedenkveranstaltung für Walter Telemann am 4. August 2019 aus Anlass des 75. Jahrestages seiner Hinrichtung

Am Denkmal für Walter Telemann gegenüber der ehemaligen Maschinenfabrik Sangerhausen (An der Probstmühle) versammelten sich in den Nachmittagsstunden 17 überwiegend ältere Sangerhäuser, denen die Erinnerung an Walter Telemann wichtig ist. Die Gedenkrede mit neuen Erkenntnisse über seine Kriegserlebnisse und die mutmaßlichen Gründe seiner Verweigerung des Kriegsdienstes hielt Holger Hüttel.



Nr. 5 der Posterserie "Synagogen und jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt"- "Halle - Teil 1" ist erschienen und wird noch vor dem 1. September ausgeliefert


In kooperation mit der Initiative "Erinnern und Gedenken" und dem Sozio-Kulturverein "Oase" besuchten vier 9. Klassen der Thomas-Müntzer-Schule Sangerhausen die Synagoge in Halle


Für viele war es am 27. Juni bzw. 1. Juli 2019 die erste Begegnung mit dem Judentum, und ganz besonders mit jüdischem Leben in unserer Region. "Altersgemäße Betreuung" hatte die Jüdische Gemeinde Halle angeboten und nicht viel älter als die Besucher waren auch die beiden Studierenden der Judaistik, die uns führten und sachkundig erklärten, wie sich in der Ausstattung eines jüdischen Gebetshauses Glaubensinhalte und jüdische Geschichte ausdrücken. Und auch die Kippa, die alle Jungen gern am Eingang in Empfang nahmen: Identitätsmerkmal vielleicht, in erster Linie aber Ausdruck einer Ehrfurcht vor Gott in Räumen, in denen sich die Begegnung mit ihm ereignet.

Im Mittelpunkt der jüdischen Religion steht die Tora, hören wir, die fünf Bücher Moses, auf Pergamentrollen fehlerlos von Hand geschrieben und im Toraschrein, dem Zentrum jeder Synagoge aufbewahrt. Wir sind aufgefordert, Fragen zu stellen. "Gibt es in der jüdischen Religion eine Beichte?" will ein Mädchen wissen. Nein, diese Funktion hat im Judentum der Jom Kipur, der jährliche Versöhnungstag, an dem man sein Leben überprüfen und Rechenschaft ablegen kann vor sich selbst und vor, erläutert unsere Betreuerin Eva-Maria Thiele.

"Wie wird man eigentlich Jude oder Jüdin?" lautet eine andere Frage. Herr Klein, der Betreuer am 2. Besuchstag,  zögert einen Moment und stellt dann als erstes fest: Das Judentum ist keine missionarische Religion. Man wird hineingeboren. Wer eine jüdische Mutter hat, ist nach jüdischer Auffassung Jude, auch wenn er selbst nicht religiös ist. Die Möglichkeit, sich aus anderer Herkunft dem Judentum anzuschließen, ist sehr kompliziert und langwierig, wenn auch prinzipiell möglich.

Es waren viele weitere Fragen, die angesprochen oder von den Jugendlichen aufgeworfen wurden. Das Gespräch endet mit einem Rundgang auf dem anliegenden Friedhof. Die jetzige Synagoge war ursprünglich Trauerhalle, die große Synagoge am Berlin wurde 1938 niedergebrannt. Von den damals mindestens 600 Mitgliedern der Gemeinde gelang einigen die Flucht, die Verbliebenen waren Erniedrigungen und schweren Misshandlungen ausgesetzt, der Weg führte schließlich in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

Dennoch war es möglich, nach 1945 eine kleine Gemeinde neu aufzubauen, sie blieb klein, weil lebendige Verbindungen zum Judentum in aller Welt und nach Israel sehr erschwert waren. Erst nach 1989 beginnt ein neuer Abschnitt mit Zuzug besonders aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Gebetbücher sind heute deswegen mehrsprachig: Hebräisch, Russisch, Deutsch. Zur Zeit hat die Gemeinde wieder ungefähr 600 Mitglieder.

Wir warten auf den Bus, der uns nach Sangerhausen zurückbringen soll, und ich frage nach Eindrücken. Wir haben viel gesehen und gehört, höre ich, manches wurde nur kurz angesprochen werden, doch es hat sich gelohnt. "Für mich bleibt eine Frage", sagt eine Lehrerin: "Das Judentum ist eine Religion wie andere Religionen auch, unserem Christentum sogar verwandt, aber woher kommt schon seit Jahrhunderten immer wieder dieser Hass auf die Juden. Ich suche darauf eine Antwort." Vielleicht müssen wir die Antwort außerhalb der Synagoge suchen. 


Leseempfehlung

Ein junger Historiker aus unserer Region geht in einer umfassenden Studie über die Endphase der Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager, insbesondere während der Evakuierungsmärsche, auch auf Vorfälle in unserer Gegend ein. Mit wenigen Ausnahmen betrachtete die ländliche Bevölkerung die erschöpften Häftlinge als gefährliche Feinde und beteiligte sich bei Fluchtversuchen sogar an Verbrechen.

Am 9. April 1945 wurden mehrere Tausend Häftlinge des KZ Langenstein-Zwieberge (südlich von Halberstadt) vor den anrückenden Amerikanern auf einen Marsch nach Wittenberg getrieben. Die Route führte über Quedlinburg nach Aschersleben und weiter in Richtung Köthen. Bei einem Halt in Quenstedt versteckten sich einige Häftlinge im Ort, andere versuchten die Flucht in die Felder. Der Bürgermeister aktivierte den örtlichen Volkssturm und die HJ, darunter bewaffnete Jugendliche unter 18 Jahren. Sie waren angewiesen, die Flüchtigen zum Häftlingsmarsch zurückzubringen und bei Widerstand oder Erschöpfung von der Waffe Gebrauch zu machen. Im Zuge dieser Aktion wurden 8 Häftlinge ermordet. Ein 9. Häftling wurde nicht entdeckt und nach zwei Tagen von den Amerikanern gefunden. Es handelte sich um den Arno Lustiger, der später als französischer Zeithistoriker bekannt wurde und am 27. Januar 2005 zu einer Rede vor dem Deutschen Bundestag eingeladen wurde.

In dem wenige Kilometer entfernten Harkerode war einer größeren Anzahl von Häftlingen die Flucht in ein Waldstück gelungen. Auch hier organisierte der Bürgermeister mit HJ und Freiwilligen aus der Bevölkerung das Aufstöbern und die Erschießung der Flüchtigen. 11 Menschen wurden ermordet. Ein Beteiligter sagte später aus: „Nachdem die Waffen verteilt wurden, schwärmten wir aus, als ob wir zur Hasentreibjagd gingen.“

Zur Rekonstruktion der Ereignisse benutzt der Autor Prozessakten aus Nachkriegszeit um 1949. Die Verbrechen wurden geahndet, aber die Strafen für die meist jugendlichen Mörder blieben gering. Als strafmindernd nannten die Urteile die „faschistische Verhetzung der Jugend“. Gegen einen Volkssturmmann, der früher Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war, wurde entsprechend eine wesentlich höhere Strafe verhängt: „Er hätte es wissen müssen.“ Bei aller Bedingtheit der damaligen Rechtsprechung, war es doch ein erster Versuch der Aufarbeitung der örtlichen Geschichte.

Martin Clemenz Winter promovierte mit dieser Arbeit an der Universität Leipzig und ist seit 2017 Referent beim Oberbürgermeister der Stadt Leipzig mit dem Schwerpunkt Erinnerungskultur und Gedenkveranstaltungen.

Rückblicke:

27. Januar 2019 - Holocaust-Gedenktag. In Sangerhausen 12:00 Uhr an der Gedenktafel am  Rathaus

Zahlreiche Sangerhäuser und Sangerhhäuserinnen trafen sich zu der Gedenkminute am Rathaus. Oberbürgermeister Sven Strauß hielt die Gedenkrede, Vertreter der jungen Generation verlasen die Namen der Sangerhäuser ermordeten Jüdinnen und Juden sowie der Opfer der sogenannten Euthanasie (Patientenmorde). Dabei wurde auch der Vernichtungsorte gedacht, wo die Lebenswege endeten. Auf Anregung von Dietrich Wächter kamen Texte aus dem "Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" von Jizchak Katznelson zum Vortrag.


Nachruf auf Arthur Fleischmann gefunden

Arthur Fleischmann konnte 1938 in die USA flüchten. Sein Plan, die Eltern, seine Schwester und Nichte nachzuholen misslang. Die Familie wurde am 29. April 1942 von Sangerhausen aus deportiert und Anfang Juni 1942 in Sobibor ermordet. Wie hat Arthur als einziger Überlebender diese Tragödie verkraftet, was für ein Mensch war er? Vieles wird nie mehr zu rekonstruieren sein sein. Aber ein kürzlich zugänglich gewordener Nachruf wirft ein Licht auf seine Persönlichkeit. Weiter lesen!

Leseempfehlung: Ein aufschlussreiches Buch über Heinrich Loewe

Der Name der Familie Loewe ist in Sangerhausen bekannt durch die in der Goepenstraße verlegten Stolpersteine für Moritz und Henriette Loewe. Nun ist ein Buch erschienen, das Heinrich Loewe, einem älteren Bruder von Moritz Loewe gewidmet ist. Die Dissertation trägt den Titel „Heinrich Loewe. Zionistische Netzwerke und Räume“ (Berlin: Neofelis 2018) und entwirft das Bild einer faszinierenden Persönlichkeit, die sich schon in jungen Jahren völlig und mit enormem Engagement in den Dienst der zionistischen Idee stellte und damit zu einem der geistigen Gründungsväter Israels wurde. Der Autor Frank Schlöffel enthüllt das Panorama der Diskussionen um jüdische Identität und geistig-politische Orientierung des Judentums, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der damals jungen Metropole Berlin geführt wurden.  

Das Buch ist alles andere als eine trockene akademische Abhandlung, man gewinnt beim Lesen vielmehr den Eindruck, als sei die elektrisierende Atmosphäre der Diskurse im frühen Zionismus auf Geist und Stimmung der „Jüdischen Studien“ an der Potsdamer Universität übergesprungen. Dazu trägt auch eine innovative Terminologie bei. So erhalten die Freunde und Mitstreiter Heinrich Loewes in Berlin das Label „nationaljüdisches Kollektiv“, aus studentischen Versammlungsorten in wechselnden Cafés und Hotels entstehen „zionistische Räume“, die Korrespondenz der jungen Akteure über Land schafft gar einen „nationaljüdischen Archipel“. Diese Zuschreibungen mögen leicht überhöht wirken, verleihen der Darstellung aber einen besonderen Schwung.  

Der gewichtigste Ertrag des Buches besteht darin, dass nun die Biographie Heinrich Loewes, sein publizistisches Werk und der Nachlass gut aufgeschlüsselt vor uns liegt. Er wurde 1869 in Wanzleben geboren, und wir erfahren Wichtiges über die Atmosphäre in seinem Elternhaus, die Schulzeit in Magdeburg am Domgymnasium und erleben gleichsam mit, welche Welt sich dem jungen Studenten an der Berliner Universität, und mehr noch durch seine Kontakte mit jüdischen Kreisen in der Reichshauptstadt öffnete.  

Heinrich Loewe studierte Geschichtswissenschaft und Orientalistik und hörte gleichzeitig Vorträge an der [privaten] „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“. Eine besonders intensive Lebensphase mit einer Vielzahl von Aktivitäten beginnt 1892 in den letzten Studienjahren, verstärkt sich nach Abschluss des Studiums 1894, und führt zu einem ersten Höhepunkt in der Zeit vor und nach dem 1. Zionistenkongress 1897 und währt bis zum Beginn seiner Ausbildung als Bibliothekar an der Berliner Universitätsbibliothek im Jahr 1899. Heinrich Loewe entwickelte in diesen Jahren ein enormes Engagement für das zionistische Projekt durch Gründung „nationaljüdischer“ Vereine und Zeitschriften, durch Vorträge und Veröffentlichungen, zwei Reisen nach Palästina, Organisation eines Palästina-Pavillions auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896  und schließlich seine Beteiligung an den Zionistenkongressen seit 1897. So wurde er schon in jungen Jahren eine international bekannte und geachtete Persönlichkeit in der jüdischen Welt. Was hat ihn dazu befähigt?        

Schon als Gymnasiast las er mit Begeisterung in der „Geschichte der Juden“ von Heinrich Graetz, und bei seinem Religionslehrer, Dr. Rahmer, zugleich Rabbiner Magdeburg, lernte er das publizistische Handwerk kennen, als dieser ihn zur Mitarbeit an der „Israelitischen Wochenschrift“ heranzog.  

Das entscheidende Ereignis scheint jedoch in der Berliner Zeit die Bekanntschaft mit jüdischen Emigranten aus Russland gewesen zu sein, die sich in einem „Russisch-jüdischen wissenschaftlichen Verein“ zusammengeschlossen hatten. Von diesen, meist älteren Kommilitonen hörte Loewe von den „Zionsfreunden“ in Russland, die aus dem vielerorts virulenten Antisemitismus die Schlussfolgerung einer Rückkehr in das Land ihrer Väter gezogen hatten. Der Kern dieses frühen Zionismus, lange vor Theodor Herzl, lag in der Überzeugung, dass die Juden nicht nur eine Religionsgemeinschaft darstellen, wie die „Staatsbürger mosaischen Glauben“ behaupteten, sondern sich als eigenständiges Volk, als Nation begreifen sollten. Konstitutiv für dieses entstehende Nationalbewusstsein wurde neben der Religion die Erinnerung an große Momente der jüdischen Geschichte, die bitteren Erfahrungen des Exils, ferner die Pflege der alle Juden verbindenden hebräischen Sprache und schließlich das Ziel der Überwindung der Diaspora durch Gründung autonomer Kolonien in Palästina.  

Diese Berichte müssen Heinrich Loewe außerordentlich bewegt haben, denn schon als Student begann er für diese Ideen propagandistisch zu wirken. Zum Schrecken seiner Familie fasste er sogar den Entschluss, selbst nach Palästina auszuwandern. Dazu kam es zunächst noch nicht, aber nach Beendigung des Studiums unternahm er 1894 zusammen mit einem Gesinnungsgenossen seine erste Palästinareise, um die dort entstandenen Kolonien der russischen Zionsfreunde zu besuchen.Über seine Erfahrungen berichtete er nach der Rückkehr in Zeitschriften und organisierte Lichtbildervorträge, um ein anschauliches Bild der jüdischen Kolonien in Palästina zu vermitteln.

Diese  Projekte fanden unter deutschen Juden damals nur wenig Anklang, sie stießen sogar auf Ablehnung in ganz verschiedenen Lagern. Arrivierte Kreise, die sich inzwischen gut integriert hatten, fühlten sich in Deutschland sicher und dachten gar nicht daran, mit dem Spaten in der Hand das Land der Väter wieder urbar zu machen. Auch gab es religiöse Vorbehalte: Das Exil war aus Sicht frommer Juden ein Element des göttlichen Heilsplanes und konnte erst durch die Ankunft eines neuen Messias beendet werden. Heinrich Loewe setzte sich mit diesen Argumenten in einer Vielzahl kleiner Schriften auseinander – das Schriftenverzeichnis, das nun vorliegt, umfasst mehr als 400 Titel – aber er wollte zugleich praktische Hilfe für die Kolonisten leisten und organisierte nach seiner Rückkehr einen Palästina-Pavillion auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896, um den Absatz von Weinen aus Palästina zu fördern.

Im Jahr 1897 kam es zu einer zweiten Palästinareise, auf der sich Loewe stärker für das noch ganz in den Anfängen liegende zionistische Bildungswesen interessierte. In diese Zeit fielen auch die Diskussionen über Theodor Herzl, der gerade seinen „Judenstaat“ veröffentlicht hatte und einen internationalen Zionistenkongress ankündigte. Heinrich Loewe hatte die große Ehre, zum Vertreter des Jischuv – so der Name der in Palästina ansässigen Judenschaft – gewählt zu werden. In dieser Funktion nahm er dann auch an dem Kongress in Basel teil.

Für mich waren die Kapitel über Heinrich Loewes Studentenjahre und seine ersten Begegnungen mit Palästina besonders interessant und anregend. Frank Schlöffel verfolgt natürlich auch die weiteren Lebensabschnitte: Promotion und feste Anstellung als Bibliothekar an der der Berliner Universität, Emigration 1933, Leitung der Stadtbibliothek in Tel Aviv und schließlich die letzten, persönlich nicht leichten Lebensjahre im neuen Staat Israel. Heinrich Loewe ist 1951 gestorben, als sein großes Lebenswerk erscheint die Sammeltätigkeit für eine Jüdische Nationalbibliothek, verbunden mit konzeptioneller Arbeit über die Rolle von Bibliotheken in der nationalen Bildungsarbeit.

Ist nun mit dieser gut recherchierten Arbeit, die auch aus unveröffentlichten Memoiren schöpfen konnte, die Persönlichkeit Heinrich Loewes vollständig erfasst und sind alle Fragen, die sein Wirken aufwirft, beantwortet? Heinrich Loewe hat im Laufe der Jahre außerordentlich viel in Zeitschriften veröffentlicht, und hier wäre eine zumindest exemplarische Analyse seiner Position angesichts der großen, nicht nur die Juden betreffenden Zeitereignisse wünschenswert gewesen. Wie hat er auf die Entwicklungen zum Ersten Weltkrieg reagiert, die Niederlage Deutschlands, die Weimarer Republik und den aufkommenden Nationalsozialismus beurteilt? Ein großes Thema, das der Bearbeitung harrt.  

Heinrich Loewe hat zudem einige größere Werke hinterlassen, auf die in diesem Buch nicht oder nur am Rande eingegangen wird. Dazu gehört neben seiner Dissertation besonders die Schrift „Die Juden in der katholischen Legende“, die wegen ihres methodischen Ansatzes nichts von ihrer Aktualität verloren hat.  

Andererseits gehörte Loewe zu den jüdischen Vertretern der Rassentheorie. Mehr oder weniger teilte er die Auffassungen von Elias Auerbach, der das Judentum als „Fortpflanzungsgemeinschaft“ definierte und es für die Rasse par excellence hielt. Diese problematischen Auffassungen wurden von Schlöffel zwar angesprochen, aber nicht ausreichend kritisch hinterfragt. Und spannend wäre auch die Frage gewesen: Haben sich die Ideale und Wertvorstellungen, mit denen Loewe für den Zionismus publizistisch und praktisch organisatorisch ins Feld zog, in der tatsächlichen Entwicklung Palästinas bzw. Israels durchgesetzt? Welche Wirkungen musste ein exklusiver Nationsbegriff haben, und wie sah Loewe, der ja als Orientalist arabisch sprach und früh Kontakte mit der arabischen Welt hatte, das Verhältnis zu der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas? Auch das Wirken von Heinrich Loewe verweist also auf Fragen und Probleme, die nach wie vor der Lösung harren.  

Für uns, vor Ort in Sangerhausen, sind die Forschungen über Heinrich Loewe – neben dem Buch von Frank Schlöffel wären die Arbeiten von Erik Petry zu nennen – so willkommen, weil sie uns einen Einblick in die Denk- und Lebenswelten der Familie Loewe vermitteln. Wir kannten bislang nur Bruchstücke der persönlichen Korrespondenz von Heinrich an Moritz Loewe, meist Postkarten aus dem Urlaub, oder sahen den „Onkel Heinrich“ auf Familienfotos. Und wie interessant wäre es, seine unveröffentlichten Memoiren, aus denen die Forscher schöpfen konnten, zur Hand zu haben und den Spuren zu den Sangerhäuser Loewes nachzugehen. Im neuen Licht erscheint aber schon jetzt, dass der älteste Sohn von Moritz und Henriette Loewe, Heinrich, lange vor 1933 nach Palästina ging und dort in der Landwirtschaft tätig wurde. Es gibt also viele Gründe, für dieses Buch eine besondere Leseempfehlung auszusprechen!  

Peter Gerlinghoff  

Rückblick: Holocaustgedenktag 2018

Anlässlich einer Gedenkminute aus Anlass des Holocaustgedenktages am 27. Januar, 11 Uhr, an der Gedenktafel am Rathaus in Sangerhausen wurden die Namen von 26 Sangerhäuser Jüdinnen und Juden verlesen, die in den Vernichtungslagern umkamen, sowie 3 Namen von Sangerhäuser Frauen, die der NS-Euthanasie (Patientenmorde) zum Opfer fielen. Die Gedenkrede hielt Oberbürgermeister Sven Strauß.


Neue Mitstreiter

Die Initiative Erinnern und Gedenken hat einen neuen Partner gefunden. Im Christlichen Jugend- und Kulturzentrum TheOdoor beginnt ein Projekt "Geschichte aufspüren". Es will Jugendliche an das "dunkelste Kapitel der Geschichte, die NS-Zeit" heranführen. Ansprechpartner: Herr Gerold Peetz, Email: post@theodoor.de. Erhältlich ist auch dieser Flyer.

Gegen Geschichtsrevision - Initiative nimmt Stellung

Mit der Alternative für Deutschland (AfD) formuliert erstmals eine in den Parlamenten vertretene Partei Einwände gegen die heutige Erinnerungsarbeit. Im Parteiprogramm der AfD heißt es dazu: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.“ Dieser harmlos klingende Satz bringt nicht zum Ausdruck, worum es der Partei geht ...  Weiterlesen.

Rückschau: Volkstrauertag 2017

Die Initiative Erinnern und Gedenken nahm am 18. November an der Krazniederlegung am Mahnmal auf dem Sangerhäuser Friedhof teil. Für die Initiative sprach Dr. Peter Gerlinghoff über das Kriegsjahr 1917. Weiterlesen.


Rückschau: Pogromnachtgedenken 2017


 

96 Schülerinnen und Schüler von der Thomas-Müntzer- Schule und der Heinrich-Heine-Schule nahmen an der Veranstaltung in der Kreis-Musikschule in Sangerhausen teil.

Rückschau: Pogromnachtgedenken 2016

Sangerhausen 10. November 2016

12 Uhr Marienkirche - Auftakt zur Begehung der Stolpersteine durch Jugendliche des Geschwister Scholl Gymnasiums. Die drei achten Klassen wurden durch Ernst-Albrecht Henke begrüßt und teilten sich dann in 7 Gruppen auf, die an den Stolpersteinen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnerten und ihren Widerstand würdigten. anschließend wurden die Gedenkplatten gereinigt.

 

Eine Gruppe nahm sich die Verlegestelle an dem Hüttenstraße 26 vor. Dort lebte vor der Deportation und Ermordung die Familie Fleischmann mit drei Generationen.

Volkstrauertag 2016 am 13. November: Gedenken am Mahnmal auf dem Sangerhäuser Friedhof

Nach der Eröffnung durch den Oberbürgermeister der Stadt Sangerhausen, Ralf Poschmann, sprachen für die Initiaitve Erinnern und Gedenken Dr. Peter Gerlinghoff und für den Sangerhäuser Geschichtsverein Helmut Loth.

Als mahnende Beispiele wurden zwei Schicksale von Soldaten des 1. Weltkrieges herausgestellt, die in Sangerhausen, von den Schlachtfeldern kommend, nach schweren Verwundungen verstarben.

 Der Hauptmann und Kompaniechef Karl Dreßler vom Rheinischen Infanterie Regiment 160, ein Mann in den besten Jahren, überlebte die ersten vier Kriegsmonate nicht.

Der knapp neunzehnjährige Füsilier Kurt Hoffmann erlebte das Kriegsende im Lazarett und hatte noch 7 Monate Siechtum vor sich, bis er am 24. Juli 1919 in Sangerhausen verstarb. 


Rückblick: Stolpersteinverlegung am 2. Oktober 2015

Am 2. Oktober 2015 wurden wiederum unter Beteiligung von Jugendlichen, darunter Schülern und Schülerinnen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums und einer Kath. Pfadfindergruppe Erinnerungszeichen für Klara Merkelt,Therese und Erhard Meyerstein, Sofie Luise Gorek und Alban Hess. verlegt. Siehe auch  Bildergalerie.

Rückblick: Eröffnung der Ausstellung Rosen in Ravensbrück" im Europa Rosarium Sangerhausen am 5. September 2015

Die von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, dem ehemaligen Frauen-konzentrationslager, erstellte Ausstellung zeigt die Bedeutung der Rose in der Erinnerungskultur. Der Franzose Michel Kriloff, 1942 Zwangsarbeiter im Rosarium, züchtete 1973 eine Erinnerungsrose "Résurrection" (Auferstehung). Über die Geschichte dieser Rose sprachen u. a. Marie-France Cabeza-Marnet und Francoise Marchélidon von "Amicale Ravensbruck" (Paris). Siehe auch Bildergalerie.

Rückblick: Erinnerung an nationalsozialistische Patientenmorde

Am 7. März 2015 wurden vor dem Johannesstift in Magdeburg, Pfeifferstraße 10, für Martha Böttcher und Johanna Querndt Stolpersteine verlegt. Als geistig bzw. körperlich Behinderte wurden die beiden Sangerhäuserinnen zwischen Mai und August 1941 in der Anstalt Uchtspringe ermordet.

Vorbildlich: Schüler übernehmen Patenschaft für Stolpersteine

Die Arbeitsgemeinschaft "Schule ohne Rassismus" des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Sangerhausen übernimmt eine Patenschaft über die in Sangerhausen verlegten Stolpersteine. "Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben", lautet es in der Selbstverpflichtung. Bei den Stolpertseinverlegungen sind die Schülerinnen und Schüler nicht nur Gäste, sondern Mitwirkende.

 

 

JüdOpfer1.pdf (4.04MB)
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